Wie wenig Tankstellen am Sprit verdienen – und wo sie wirklich Geld machen
Berlin. Vom Ölbohrloch bis zur deutschen Tankstelle profitieren viele. Doch einer kassiert besonders viel – und das ist kein Mineralölkonzern.
Tanken ist so teuer wie selten zuvor. 2,21 Euro kostet derzeit ein Liter Super im bundesweiten Durchschnitt. Der Preis für einen Liter Diesel liegt bei 2,25 Euro. Ukraine-Krieg, Iran-Krise und jetzt auch noch Niedrigwasser auf dem wichtigsten deutschen Fluss, dem Rhein, treiben die Preise. Zum Vergleich: Vor Beginn des Iran-Kriegs lag der Preis für Super für Kraftstoffe bei 1,83 Euro pro Liter, der Preis für Diesel bei 1,75 Euro. Doch wer verdient eigentlich an den hohen Spritpreisen?
Bevor deutsche Autofahrer tanken können, hat der Sprit eine weite Reise hinter sich. Das Rohöl wurde in der Nordsee und Kasachstan, in Libyen oder den USA gefördert, per Schiff oder Pipeline zu einer Raffinerie transportiert, in Benzin oder Diesel umgewandelt, zwischengelagert, auf ein Binnenschiff verfrachtet und zum Schluss per Lkw an die Tankstelle geliefert. Der Transport kostet, macht aber nur einen Bruchteil des Endpreises aus.
Rohöl, Diesel und Benzin werden weltweit gehandelt. Und es gilt ein Weltmarktpreis. Wenn also irgendwo mehr Geld zu verdienen ist als in Deutschland, geht die Lieferung dorthin. Oder der Importeur zahlt eben mehr.
Experte erklärt: Deshalb steigt der Ölpreis an
„Durch die Iran-Krise und den Ukraine-Krieg ist das Rohölangebot gesunken, während die Nachfrage in etwa gleich hoch blieb“, erklärt Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer beim Mineralölverband EN2X. „Dadurch ist der Ölpreis gestiegen.“ Russland etwa fällt wegen der Sanktionen als Lieferant aus, Öl aus Nahost ist in der Straße von Hormus blockiert.
Gleichzeitig fielen Raffineriekapazitäten und Lieferungen im Nahen Osten und in Russland aus, sagt Küchen. „Das führt dazu, dass sich die Produktpreise zusätzlich vom Rohölpreis entkoppelt haben.“ Das bedeutet: Auch wenn der Rohölpreis sinkt, sind Benzin und Diesel möglicherweise immer noch teurer.
Beim Benzin ist es noch recht einfach. „Es wird vor allem im Verkehrssektor eingesetzt“, sagt ADAC-Experte Laberer. „Diesel wird dagegen auch außerhalb des Verkehrs genutzt, etwa in der Industrie und zur Energieerzeugung.“ Das bedeutet mehr Wettbewerb.
14.000 Tankstellen in Deutschland: Das sind die Betreiber
Bis vor einigen Jahren hatten die großen Konzerne wie BP, Exxon und Shell meist alles in einer Hand: Förderung, Raffineriegeschäft, Tankstellen. Und verdienten auf jeder Stufe Geld. Doch inzwischen haben sich einige Mineralölkonzerne von Raffinerien getrennt, von ihren Tankstellen oder von beidem. Dafür sind neue Unternehmen am Markt, die bisher mit Kraftstoff nichts zu tun hatten.
In Deutschland gab es Ende 2025 rund 14.000 Tankstellen. Das größte Netz betreibt BP mit gut 2250 Aral-Tankstellen. Shell verfügt über rund 1900. Nummer drei ist die Marke Total Energies mit 1140 Standorten, knapp vor Esso mit rund 1100. Es gibt noch zahlreiche andere große Ketten wie Avia und Jet oder Hem sowie 2800 freie Tankstellen, die sich in der Regel über langfristige Lieferverträge mit Kraftstoff bei den großen Raffinerieanbietern eindecken.
Schwarzes Gold? Von wegen! Damit verdienen Tankstellen vor allem ihr Geld
Der Betreiber oder Pächter einer Tankstelle hat meist keinen Einfluss darauf, was der Sprit kostet. Die großen Ketten steuern die Preise zentral, orientieren sich an den Preisen der Konkurrenz, die zentral einsehbar sind. Denn die Spritpreise müssen seit 2013 dem Bun-deskartellamt gemeldet werden, das die Daten verfügbar macht.
„Tankstellenbetreiber oder -pächter verdienen am Kraftstoffverkauf meist nur etwa ein bis zwei Cent pro Liter Kraftstoff“, sagt Christian Laberer, Kraftstoffmarkt-Experte beim ADAC. Deshalb erweitern viele Pächter das Angebot. „Der Durchschnitt vom Tankstellenpächter bis hin zu Eigenbetrieben der freien Tankstellen macht nur etwa 35 Prozent des Nettoumsatzes mit Kraftstoff“, sagt Daniel Kaddik, Hauptgeschäftsführer des Verbands BFT, in dem die freien Tankstellen organisiert sind. „Verdient wird vor allem mit Shop, Bistro und Service.“
Warum die 12-Uhr-Regel Tankstellen das Mittagsgeschäft vermiest
Ein gutes Geschäft, sonst hätte sich Circle K nicht die Total-Energies-Tankstellen gekauft. Circle K gehört zum kanadischen Unternehmen Alimentation Couche-Tard, das kleine Läden für den schnellen Einkauf und den täglichen Bedarf betreibt. Den Sprit liefert weiter Total Energies. Auch die Esso-Tankstellen steuert inzwischen ein Shopbetreiber, die britische EG Group.
Zuletzt lief es nicht mehr rund. „Das Zusatzgeschäft etwa im Shop ist seit April vor allem am Mittag um durchschnittlich 50 Prozent eingebrochen“, sagt Kaddik. Seit damals dürfen die Spritpreise nur noch einmal am Tag um 12 Uhr angehoben werden. „Jetzt holt sich kein Kunde mehr kurz vor 12 noch einen Kaffee. Und bis 14 Uhr kommt praktisch niemand, weil alle darauf warten, dass die Preise sinken.“
Am Ende ist der deutsche Staat der größte Profiteur
Wer verdient dann am Sprit? „Die größeren Margen entstehen eher auf den vorgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette, etwa bei Raffinerien und im Kraftstoffgroßhandel“, sagt ADAC-Experte Laberer. Die größten Raffineriebetreiber in Deutschland sind Shell und der US-Mischkonzern Klesch, der gerade eine Anlage von BP gekauft hat, sowie Total Energies.
Kassieren die Raffinerien in Deutschland ab? Unklar, weil der Markt undurchsichtig ist. Das Bundeskartellamt verlangt nur Auskunft der Raffinerien über die Produktionskosten. Zwei wehren sich dagegen vor Gericht. Auch können die Raffinerien nicht einfach mehr Diesel oder mehr Benzin herstellen. Denn aus einem Fass Rohöl lässt sich jeweils nur eine bestimmte Menge herstellen. Grob sind das 42 Prozent Benzin, 27 Prozent Diesel, 10 Prozent Kerosin.
Ganz am Ende kassiert vor allem einer: der deutsche Staat. Mehr als die Hälfte des Endpreises für einen Liter Diesel oder Benzin sind Steuern und Abgaben: Energiesteuer, CO₂‑Preis, Betrag zur Treibhausgasminderung. Und auf alles kommt noch die Mehrwertsteuer.
Quelle 26.08.2026 – Hamburger Abendblatt:

